Der Aufstieg an der Ostseite

Die einzige Ersteigung der Festung Königstein durch Sebastian Abratzky, 2. Teil

Zum 1. Teil

Von demselben erzählt

Ich steige in meiner Spalte weiter. Plötzlich prasselt unter mir etwas den Riß hinunter; mir ist’s, als wenn der Felsen wanke – erschreckt halte ich inne. Mein Ruhestein, jedenfalls durch meine Körperschwere gelockert, ist hinuntergestürzt. Einige Minuten früher und ich lag mit ihm dort am Felsen zerschellt. Ich schaue hinab in die gähnende Tiefe, ein kalter Schauer überläuft mich. – Glauben Sie aber nicht, lieber Leser, daß ich deshalb ängstlich wurde, Schornsteinfeger sind solche Dinge schon gewöhnt und ich kenne überhaupt Furcht nur dem Na­men nach.

Gewaltsam raffe ich mich zusammen und klettere weiter. Wieder erschwert mir im Spalt wachsendes Gebüsch den Weg. – Vorwärts! – Der Felsenriß wird enger, kaum kann ich mich hindurchwinden, er erweitert sich, ich kann ihn kaum noch ausspannen. Die Zeit beginnt mir entsetzlich lang zu werden. Mir ist’s, als ob ich schon tagelang in dieser Spalte stecke. Wenn mich jetzt Schwindel erfaßt? – Wenn ich ausgleite? – Rettungslos bin ich verloren! Ich schaue empor, ob ich bald am Ziele bin. Der Riß windet und krümmt sich, ich kann das Ende nicht erblicken. Ein fieberhaftes Drängen ergreift mich. Höher, höher! – Der Spalt wird breiter und, breiter, jetzt kann ich nicht mehr ausspannen, und somit auch nicht weiter klettern. Über mir wölbt sich die Brustwehr, sie ragt über den Felsen hervor. Von unten so unbedeutend aussehend, stellt sie sich mir entsetzlich groß, ein unüberwindliches Hindernis, ent­gegen. Kalter Schweiß rinnt mir über die Stirn. Ich kann nicht weiter. Ich bin verloren und aus der Tiefe schaut der Tod zu mir herauf. Jeder Nerv spannt sich. An die Außenseite des Risses kletternd, beuge ich mich soweit als möglich vor und sehe umher, ob Rettung möglich. Dort, etwa zwei Ellen vor mir, ist ein Felsvorsprung. Wenn ich ihn erreichen könnte! Ein Vöglein fliegt zwitschernd vor­über und läßt sich auf ihm nieder. Der Vorsprung verläuft sich nach dem Risse zu, so daß er vielleicht eine halbe Elle davon als handbreit vorstehende Felsenkante er­scheint. – Könnte das meine Rettungsbrücke werden?

Ich hatte mich wieder gefaßt. Langsam griff ich hinüber; gleich eisernen Klammern gruben sich meine Finger in die Felsenkante. Jetzt fühlte ich, daß die Hände fest ruhten, und zog nun den Körper allmählich nach. So hing ich an der steilen gegen 400 Fuß hohen Felsenwand da, mich nur auf die Kraft meiner Finger verlassend. Wider Willen zwang es mich, in die Tiefe zu schauen; ich konnte sie nicht mit den Augen ausmessen. In diesem Augenblicke der höchsten Gefahr war ich am besonnensten, ich wußte, daß ich das Letzte wagte. Eine Hand der anderen nachgreifend und so mit gebogenen Armen weiterklimmend, gelang es mir, mein Ziel zu erreichen. Ich hob mich empor, legte mich mit dem Oberkörper auf den Vorsprung und – war gerettet. Es währte ziemliche Zeit, ehe ich mich soweit erholt hatte, daß ich an die Vollendung meiner Reise denken konnte. Ich besah mir meinen derzeitigen Aufenthalt. Der Vorsprung ist etwa 4 Quadrat-Ellen groß. Vor mir erhob sich die 5 Ellen hohe, glatte Brustwehr. Sie ist aus großen, in Kalk eingesetzten Sandsteinquadern erbaut; Wind und Wetter haben im Laufe der Jahre den Kalk zwischen den Steinen mehrere Zoll tief ausgewettert. Ich hänge meine Stiefel wieder um, aber jetzt so, daß sie auf den Rücken zu liegen kommen, greife mit den Fingern in die Steinfuge. Die obersten Steine sind glatt und schräg gearbeitet und stehen wenigstens eine halbe Elle gleich einem Dache vor. Zwischen diesen schräg liegenden Steinen, die zum Glück nicht so breit sind, kann ich mit der ganzen Hand hineingreifen. Ich versuche erst durch eine Schießluke hinein zu steigen, doch die sind zu glatt ausgearbeitet; ich muß daher über eine Erhöhung zwischen zwei Luken klettern. Mit der rechten Hand mich in einer Fuge festhaltend, gebe ich der linken einen Schwung und suche die innere, oberste Mauerkante zu ergreifen. Es gelingt. Ich fasse fest an, ziehe die rechte Hand nach, erhebe den Körper und schaue ins Innere der Festung. Mir gegenüber ist ein Haus, dahinter Wald, rechts und links die Schildwachen, die auf mich zu­kommen. Ein Augenblick ist hinreichend, mich dies sehen zu lassen. Schnell beuge ich mich mit dem Kopfe nieder, um nicht von den Schildwachen bemerkt zu werden.

Während ich wie eine Schwalbe an der Mauer klebte, mich nur mit den Händen knapp an der Kante – haltend, läuten unter mir in der Stadt die Glocken zu Mittag. Da überkam mich das Zittern. – Lieber Leser, wir Schornsteinfeger wissen, was dies zu bedeuten hat. Die Kraft wird plötzlich alle, die Sinne schwinden, Hände und Füße ziehen sich krampfhaft zusammen und – im nächsten Augenblick stürzt man herunter. Da raffe ich meine letzten Kräfte zusammen. Jetzt oder nie! Ein gewaltiger Schwung, ein gewaltiges Heben und ich bin in der Festung. In demselben Augenblicke durchzuckt mich ein entsetzlicher Schmerz; ein eiserner Pflock, auf den ich gesprungen, drängt sich zwischen die beiden kleinen Zehen des rechten Fußes und reißt mir die Hälfte derselben weg. Durch den Blutverlust und die Anstrengung erschöpft, wanke ich noch einige Schritte und sinke dann halb ohnmächtig auf den Rasen hin.

Das Klettern im Abratzky-Kamin (Schwierigkeitsgrad IV nach der sächsischen Schwierigkeitsskala) ist möglich. Allerdings sind das Übersteigen der Brustwehr und das Betreten der Festung Königstein nicht gestattet.

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