Flucht vom Königstein

Bei FESTUNG AKTIV! 2014 ist es erstmals möglich, dass sich Besucher an der Abstiegsstelle General Girauds, dem Einzigen, dem jemals die Flucht vom Königstein glückte, abzuseilen. Hier könnt ihr etwas zur Geschichte der Flucht lesen.

Gefangennahme und Unterbringung General Girauds

Am 19. Mai 1940 wird der Armeegeneral und Mitglied des Obersten Kriegsrates, Henry Giraud, auf der Fahrt zur 9. Armee einige Meilen vor Le Catelet (Wassigny) durch eine deutsche Panzereinheit gefangen genommen. Am 25. Mai 1940 kommt Giraud am Bahnhof Königstein an, danach folgen ein Fußmarsch zur Festung und die Einweisung ins Offiziersgefangenenlager (Oflag) IV B.

Giraud wird zunächst im deutschen Teil des Oflag untergebracht – erhält 3 Zimmer, Verpflegung im Offizierskasino und einen besonderen Teil im Festungswald. Spätere Quartiere hat er unter anderen in der Johann-Georgen-Burg, im Alten Zeughaus und im Friedenslazarett.

Giraud mit Begleiter

Bei zahlreichen Ausflügen lernte Giraud die Umgebung kennen, war aber immer unter Aufsicht oder hatte sein Ehrenwort gegeben, zurückzukehren.

Girauds Fluchtplan

Es ist den Gefangenen gestattet wöchentlich 2 Briefe und 1 Karte zu verschicken. Sie selbst erhalten regelmäßig Rot-Kreuz-Pakete, können sich auch Pakete von ihren Familien aus der Heimat schicken lassen und selber Pakete verschicken. All das wird natürlich genauestens durch die Lager-Poststelle überprüft, gelesen und kontrolliert.

Im September 1941 wird der General Boell in die Heimat entlassen und überbringt der Frau Girauds einen Geheimcode zur Nachrichtenübermittlung. Gemeinsam mit den Generälen Mesny und Bruneau beginnt er die Vorbereitungen zur Flucht. General Bruneau hatte bereits 1940 einen Fluchversuch unternommen, sein Fluchtdrahtseil findet bei Giraud Wiederverwendung. Er lernte akzentfrei Deutsch und prägte sich eine Karte der Umgebung ein. Das Fluchtseil ist 50 m lang, ca. 15 mm stark und mit 60 cm langem Holzstab als Sitz versehen. Zur Verstärkung des Seiles schickt Frau Giraud in ihren Paketen einen, in Konservendosen versteckten, 3-armigen Telefondraht mit Gummimantel mit.

Ebenso in Konservendosen und Kuchen versteckt bekommt er einen Tiroler Hut und einen Kompass. Vom deutschen Schreiber der Poststelle kauft er zu einem hohen Preis ein gültiges Kursbuch des gesamten deutschen Eisenbahnnetzes ab. Ebenfalls für viel Geld kauft er dem Festungsgärtner alte Zivilhosen ab. Von General Prioux, mit dem er mehr als 2 Jahre in einem Zimmer wohnte, der aber wegen Krankheit zurück nach Frankreich geschickt wird, erhält er einen zivilen Regenmantel. Giraud war danach allein in seinem Zimmer. Außerdem sammelt er durch den Verkauf von Schokolade und Zigaretten aus seinen Paketen deutsches Geld für die Flucht. Am Ende hat er ca. 800 Reichsmark eingetauscht.

Mitarbeiter am Seil an der Festungsmauer

Hier plante Giraud abzusteigen.

Festungsbesatzung im Offiziersgefangenlager (Oflag)

Ab Juni 1940 ist die 2. Kompanie des Landesschützenbataillons Nr. 393 Wachmannschaft auf der Festung. Eine Kompanie bestand aus 3 Zügen. Je ein Zug (ein Offizier und 90 Unteroffizieren sowie Soldaten, ab 1941 ein Offizier und 55 Unteroffiziere) tat jeweils Dienst auf der Festung. Der andere war im Hotel „Deutsches Haus“ in Königstein einquartiert und löste den ersten nach 24 Stunden ab. Von bisher 3 täglichen Zählungen erfolgten nur noch 2 und zwar morgens und abends, später sogar nur noch eine am Abend. D.h. die Flucht eines Gefangenen wurde erst spät bemerkt.

Flucht von der Festung

Am 17. April 1942 gegen 10 Uhr steigt General Giraud zwischen Königsnase und Blitzeichenplateau ab. Die Stelle konnte auch von dem Flieger-Beobachtungsturm, der mitten im Festungswald stand, nicht eingesehen werden. Ungefähr 10 französische Stabsoffiziere und Generäle waren eingeweiht. Von Mesny und Le Bleu, die das Seil an die Eisenklammer der Brüstung befestigten, wurde Giraud in ca. 2 min auf dem Holzstab sitzend abgeseilt  bzw. abgelassen.

Unten angekommen hat sich Giraud die besorgten Zivilsachen angezogen und seinen Schnurrbart abrasiert. In Bad Schandau auf dem Bahnhof wartete Roger Gerlach mit dem gefälschten Führerschein auf den Namen Heinrich Greiner, Reisender in Kunstseide. Der britische Geheimdienst ermöglicht ihm die Flucht von Schandau aus.

Mitarbeiter an der Abstiegstelle

Unsere Mitarbeiter machen den Abseiltest

Mitarbeiter seilt sich an der Abstiegstelle ab

Es geht ganz schön weit runter…

Zugfahrt

Um seine Verfolger abzuschütteln, fuhr er mit der Bahn kreuz und quer durch Deutschland. Mit Tricks entging er Kontrollen der Gestapo auf Bahnsteigen und in Zügen. So erreichte er die Schweizer Grenze und passierte sie nachts zu Fuß. Am 22. April erreicht Giraud die neutrale Schweiz.

Zeitungsartikel und Foto Girauds

100.000 Reichsmark bot man für die Ergreifung Girauds

Henry Giraud

Henri Honoré Giraud (* 18. Januar 1879 in Paris; † 11. März 1949 in Dijon) war ein französischer General.

Er nahm am Ersten Weltkrieg teil, in dem er die Zuaven-Truppen kommandierte. Im August 1914 wurde er bei der Schlacht um St. Quentin gefangengenommen, als er schwer verwundet wurde, flüchtete aber zwei Monate später und kehrte über die Niederlande nach Frankreich zurück.

Giraud war nach seiner Rückkehr nach Frankreich Gegenspieler zu Charles de Gaulle. Er starb 1949 bei einem Verkehrsunfall. Umfangreiche Informationen zu seinem Leben und Wirken sind bei Wikipedia zu finden. Wir möchten ergänzen, dass der tatsächliche Fluchtverlauf nie komplett aufgeklärt wurde und es zahlreiche Varianten gibt.

Bei FESTUNG AKTIV! könnt ihr den Abstieg selbst nachvollziehen.

 

5 Kommentare Hinterlassen Sie ein Kommentar

Kapitel /Abschitt/ Gen. Giraud – Flucht aus Königstein

Antworten
David Baudisch
13. April 2016 22:22

Warum heißt es „Er lernte akzentfrei Deutsch“, wenn im Zeitungausschnitt von „spricht deutsch mit französischem Akzent“ zu lesen ist. Was ist die Quelle für die anderslautenden Behauptung?
Ansonsten: Wäre der Abstieg auch allein zu machen? Welche Witterungen, welche anderen Umstände nimmt man für Girandes Flucht an?

Antworten
Silke Franze
18. April 2016 11:19

Sehr geehrter Herr Baudisch,
gern beantworten wir Ihre Fragen zu den etwas widersprüchlichen Angaben im Blogtext und Zeitungsartikel zu Girauds Flucht vom Königstein.
Warum heißt es „Er lernte akzentfrei Deutsch“, wenn im Zeitungausschnitt von „spricht deutsch mit französischem Akzent“ zu lesen ist. Was ist die Quelle für die anders lautenden Behauptung?
– Giraud stammte aus einer einfachen elsässischen Familie (sein Vater ist Kohlenhändler), die in Paris wohnte und so wurde schon in der Familie teilweise deutsch gesprochen.
– Mit einem Lungendurchschuss geriet er bereits 1914 erstmals in deutsche Kriegsgefangenschaft und beim 2. Versuch gelang ihm, auch dank seiner Deutschkenntnisse, die Flucht.
– Den Kriegsgefangenen im Oflag IV B auf der Festung Königstein wurde für ihre Freizeitbeschäftigung ein Deutschkurs angeboten. In einer Bibliothek standen ihnen deutsche Zeitungen und Bücher zur Verfügung. Diese Angebote wird Giraud genutzt haben, um seine deutsche Aussprache zu verbessern.
– Davon haben die deutschen Bewacher jedoch nie etwas erfahren (wie übrigens auch nichts von den vielen anderen Vorbereitungen, denn ansonsten wäre Giraud die Flucht in die neutrale Schweiz auch nicht geglückt) und so steht in dem Fahndungsartikel „spricht deutsch mit französischem Akzent“. Dieser enthält außerdem weitere Fehler wie z. B. „Er machte sich dieses Entgegenkommen zunutze und entfloh.“, außerdem hatte er sich seinen Schnurrbart bereits abrasiert.

Ansonsten: Wäre der Abstieg auch allein zu machen? Welche Witterungen, welche anderen Umstände nimmt man für Girandes Flucht an?
– Giraud hätte den Abstieg niemals allein bewältigt, denn er hatte zahlreiche Beschwerden wegen alter Verwundungen, so z. B. am Ischiasnervs, an der Hüfte und am rechten Bein. Er erhielt deshalb seit 1941 in Bad Gottleuba elektrische Massagen sowie Sonnen- und Lichtbäder.
– Zur Witterung am 17. April 1942 gibt es die eindeutige Aussage, „es war schönes Wetter“.
– Zu allen „anderen Umständen“ der Flucht Girauds können wir uns nicht äußern, da uns keine schriftlichen Beweise vorliegen. Fakt ist, es gibt sehr viele Ungereimtheiten und zahlreiche andere Fluchtvarianten, aber ohne schriftliche Quellen kann man darüber nur spekulieren.

Wir hoffen, dass Ihnen diese Erläuterungen helfen und wir das Missverständnis aufgeklären konnten.

Antworten

Die Flucht des Generals Giraud beschäftigt mich schon sehr lange. 1956 stand ich schon einmal an der Stelle, wo sie ihren Anfang nahm. Eine Klassenfahrt führte damals in die Sächsische Schweiz und als Höhepunkt auf die Festung Königstein. Am 10. Oktober 2011 war ich zum zweiten Mal zur Stelle. Allerdings war die zu der Zeit nicht markiert, aber der Audiogide erklärte am Pkt. 53 die Abstiegsstelle und das ganze Giraud-Drumherum.
Die Darstellung der Flucht hier im Blog finde ich plausibel und sehr gut aufbereitet. Glückwunsch!
Ich bin bei meinen Recherchen immer wieder auf Ungereimtheiten über die „wildeste Flucht des 20. Jahrhunderts“ gestoßen. Giraud hat in seinen Memoiren für Ausschmückungen gesorgt, so dass Manches seiner Flucht sonderbar erscheint. Man wird die ganze Wahrheit wohl nie erfahren. Der britische Geheimdienst SOE war der entscheidende Fluchthelfer. Vielleicht könnte als Einziger der heutige Nachfolger MI6 in London Auskunft über die wahren Umstände der Aktion geben. Wen aber interessiert ´s ?
Auf eines möchte ich noch hinweisen: Als Henri Giraud abgeseilt wurde (Er wäre selber nie und nimmer dazu in der Lage gewesen.) wirkte das damals wie ein Fanal für die französischen Kriegsgefangenen in den Stalags und Oflags, es ihm gleich zu tun. Mein Vater Marc Mouret, als Chasseur alpins des 60. BCA in Kriegsgefangenschaft in meiner Geburtsstadt Finsterwalde (meiner Heimatstadt, als Sängerstadt bekannt), hat es am 24.12.1942 versucht. Die Flucht, inspiriert von Girauds, klappte. In einem Exportzug von Finsterwalde nach Göteborg-Marienholm gelang auch ihm und zwei seiner Kameraden dieses „Husarenstück“.
Mit freundlichen Grüßen
Peter Schmidt

Antworten
Silke Franze
12. Oktober 2016 12:37

Sehr geehrter Herr Schmidt,
vielen Dank für Ihren Kommentar zu unserem Blogbeitrag. Wir finden Ihren Hinweis sehr interessant, dass die Flucht Girauds auch andere französische Gefangene zur Flucht motiviert hat. Uns ist nicht exakt erklärlich, wie das die anderen Kriegsgefangenen erfahren konnten. Natürlich gab es eine groß angelegte Fahndung nach Giraud, in die z. B. auch die deutsche Zivilbevölkerung einbezogen wurde. Jedenfalls war die Flucht dieses hochrangigen und zumindest in Frankreich sehr namhaften Generals überall bekannt und es gibt heute sogar noch Anfragen dazu, die aus dem westlichen Teil Deutschlands stammen. Können Sie uns genaueres berichten, wie Ihr Vater von der Flucht Girauds erfahren hat?

Mit freundlichen Grüßen

Silke Franze

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