Der verschenkte Lilienstein

Einst saßen auf dem Königstein
Gemütlich bei der Flasche Wein
Der Kurfürst und der Preußenkönig
Und plauderten dabei ein wenig.
Der König sprach: „Bei meiner Ehr‘,
Der Königstein gefällt mir sehr“.
Worauf der Kurfürst zu ihm Spricht:
„Sieh! Solch Berge hast Du nicht,
In Deinem großen Preußenlande
Sitzt man oft auf dem trocknen Sande.
Drum will ich Dir zum Angedenken
Den Lilienstein da drüben schenken.“

„Mein Bruderherz ich danke Dir,
Nun bau ich eine Festung mir
In Deinem schönen Sachsenland,
Die wird der Friedrichstein genannt,
Der König sprach’s mit frohem Sinn
Und reiste wieder nach Berlin.
In beiden Händen den Kopf gestützt,
Der Kurfürst früh bei Tische sitzt;
Teilnehmend frug der Kyau gleich:
„Mein Fürst und Herr, was fehlet Euch?“

Lilienstein im Sommer

 

„Ach lieber Kyau, vor’ge Nacht
Hab‘ ich’n dummen Streich gemacht.
Geschenkt hab ich beim Glase Wein
Dem König unser’n Lilienstein.
Der baut eine Veste nächstes Jahr
Mein Königstein kommt in Gefahr,
Die ganze Geschichte wird noch dumm,
Das geht mir jetzt io´m Kopf herum,“
Da lacht der Kyau laut und spricht:
„Mein gnäd’ger Herr, da sorget nicht,
Schlagt Euch die Grillen aus dem Sinn
Und schickt mich schleunigst nach Berlin.

Der Kyau wurde ohne Weile
Gesendet nach Berlin in Eile,
Tritt vor des Königs Angesicht
Und feierlich er also spricht:
„Ew. Majestät woll’n verzeih’n!
Der Euch geschenkte Lilienstein
Ist uns im Wege jetzt gar sehr,
Den Platz gebrauchen wir nunmehr
Zum Abbruch steht er Euch bereit,
Wir geben nur vier Wochen Zeit.“

Lilienstein in der Morgensonne

 

Da muß der König herzlich lachen,
Spricht: „So schnell läßt sich das nicht machen.
Wohl würden sich die Meinen freu’n,
Käm‘ nach Berlin der Lilienstein;
Das gäbe eine große Freude,
Stellt ich ihn in die Hasenheide.
Doch lieber Kyau, Ihr könnt gehen,
Ich laß den schweren Felsen stehn,
Sagt Euren Fürst, es bleibt beim Alten,
Er soll den Lilienstein behalten.“

So blieb der Berg an seinem Ort
Und steht noch heut’gen Tages dort.
Ein Wirtshaus ist auch oben drauf,
Wer es nicht glaubt – steig selbst hinauf.

Quelle: Eduard Dietrich, „Geschichte und Sage der Festung Königstein in Sachsen“, S. 21 – 23